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Digitalisierungsschub dank Corona?

Offener Brief der dbb jugend hamburg

24. Juni 2020

dbb Jugend wehrt sich gegen Aussagen von Hamburgs CDO Christian Pfromm lt. Beitrag in den NDR 90,3 Morgennachrichten

„Viele, die vorher noch nicht so technikaffin waren, hätten gemerkt, dass moderne Kommunikation kein Teufelszeug sei und Digitalisierung, so wörtlich, ‚nicht weh tue‘."

Sehr geehrter Herr Pfromm,

wir sind überrascht und teilweise schockiert über diese Aussage, da sie die tatsächliche Situation nur verzerrt widerspiegelt. Die Kolleg*innen in den Hamburger Ämtern und Behörden leisten seit Jahren – und erst recht in der aktuellen Lage – einen hervorragenden Beitrag zum Wohle unserer Stadt und der Allgemeinheit. Dabei ist es zwingend erforderlich, dass die digitalen Angebote stetig erweitert und dem Stand der Technik entsprechend angepasst werden. Tatsache ist jedoch auch, dass die öffentliche Verwaltung in einigen Bereichen diesem aktuellen Stand teilweise deutlich hinterherhinkt. Die o.g. Aussage lässt bei aufmerksam Zuhörerenden den Eindruck entstehen, dass ‘die noch nicht so technikaffinen‘ Beschäftigten (Generalisierung/Pauschalisierung) nun völlig überrascht seien, dass Anträge von Bürger*innen nun z.B. auch per Mail eingereicht werden können und diese damit heillos überfordert waren („kein Teufelszeug“/“nicht weh tue“). Das ist nicht nur demotivierend, sondern geht an der Realität vorbei, Herr Pfromm. Uns ist bewusst, dass es in einem kurzen Radiobeitrag keine stundenlange Abhandlung über die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung geben kann. Dennoch hätten wir uns eine etwas differenziertere und nicht so reißerische Aussage gewünscht.

Die öffentliche Verwaltung versteht sich seit vielen Jahren als Dienstleister für die Bürger*innen dieser Stadt. Dabei erhalten insbesondere unsere Nachwuchskräfte diverse Schulungen z.B. in Bürgerorientierung oder gewaltfreier Kommunikation. Wir alle sind bemüht, das teilweise vorhandene Meinungsbild in der Öffentlichkeit über die ‘eingestaubte, verschlafene Verwaltung‘, die mit ihrer Technik ‘hinter’m Mond lebt‘ und dort nur ‘kaffeetrinkende, faule Beamte‘ (und Tarifbeschäftigte) beschäftigt, mit kompetenter, schneller und bürgerfreundlicher Unterstützung am Kunden zu widerlegen. Ihre Aussage torpediert diese Bemühungen, da sie (wenn auch in einigen wenigen Fällen sicherlich zutreffend) bei unreflektierter Betrachtung den Eindruck erweckt, dass Ihre Beschreibung von ‘einigen wenigen‘ („Viele, die noch nicht so technikaffin waren,…“) eher auf die Allgemeinheit aller Beschäftigten gemünzt ist.

Wir möchten uns ausdrücklich von dieser (möglichen) Auslegung Ihrer Aussage distanzieren. Versäumnisse des Dienstherrn, die Digitalisierung frühzeitig voranzutreiben und nicht erst in Notsituationen, liegen nicht im Verantwortungsbereich der Beschäftigten. ‘Digital first – aber nur mit Wertschätzung‘ heißt, dass alle Beschäftigten, gleich ob technikaffin oder nicht, mit den technischen Neuerungen vertraut gemacht werden müssen. ‘Errungenschaften‘ des Dienstherrn, wie z.B. die Möglichkeit, dass nun auch Anträge per Mail oder telefonisch gestellt werden können, sind für die Beschäftigten im privaten Umfeld weitestgehend selbstverständlich. Wir möchten Ihrer Aussage entgegenhalten: „Na endlich! Warum denn erst jetzt?“

Vielen Dank für all die neuen Möglichkeiten – wir stellen unsere Schreibmaschine und den Rechenschieber dann jetzt in den Keller.

Mit freundlichen Grüßen

 Marco Klein      

stv. Landesjugendleiter der dbb jugend hamburg